Du hast den Rucksack gepackt und machst dich auf den Weg.

„Schluss mit dem Blödsinn hier! Zuviel Stress, zuviel schlechte Laune, zuviele Depri-Zeiten. Ich will glücklich sein!“

Also schaust du dir die Karte an und markierst die Orte, an denen du glaubst, jeweils ein neues „Puzzlestück vom Glück“ finden zu können.

„Einen Partner haben“ wird gleich eingekreist, genauso wie „mehr Sport machen“.

Oh, bevor wir es vergessen: „Psychotherapie“. Macht auch Sinn!

Dann steht da „mehr Freude empfinden“, „entspannen lernen“, „positives Denken lernen“ und „meditieren lernen“. Klingt vielversprechend, also wirds eingekreist.

„Tabletten“ steht auch da. Hm, probieren wir es erst einmal ohne den Zwischenstopp an diesem Ort, aber wir wissen, im Fall der Fälle, dass wir jederzeit ein schnelles Taxi dorthin buchen können, wenn wir es ohne doch nicht schaffen.

„Verzeihen lernen“, „Kindheitswunden aufarbeiten“, „mehr Lächeln“ und „Freundschaften pflegen“ findest du auch noch. Und so kreist du noch weitere Orte ein, bis du dich schließlich auf den Weg machst.

Aber etwas fehlt…

Nach ein paar Jahren kommst du zurück. Du hast viel dazugelernt, neue Freunde gefunden und dein Leben schon etwas besser im Griff.

Aber irgendwas fehlt.

Es gibt sie immer wieder – diese Momente, in denen du freudig sein willst, aber es nicht geht. In denen du weinen willst, aber es nicht geht. In denen du stark sein willst, aber es einfach nicht geht.

Du fragst dich „Hört das denn nie auf?“, „Warum immer ich?“ und „Wann darf ich denn endlich mal glücklich sein?“, aber diese Fragen bringen dich auch nicht ans Ziel.

Denn…

… du hast einen ganz entscheidenden Fleck auf der Landkarte vergessen.

Die Dunkle Schlucht hinter den Bergen.

Wo Orte wie „Wut“, „Aggression“ und „Arschl…“ liegen.

Denn bis jetzt war es immer so: Wenn du wütend geworden und dich wie ein Arsch benommen hast, sagtest du nachher immer „Das war nicht ich, das war irgendetwas, aber nicht ich!“. Vielleicht hast du es aber auch als Zeichen gesehen, dass „du“ die Dunkelheit wärst, die du gerade gezeigt hast.

„Ich bin halt ein Arsch und verletze immer alle“ wäre dann eine „logische“ Konsequenz.

Aber beides ist nicht wahr und nicht hilfreich.

Unsere Schattenseiten

Wir alle haben unsere Schattenseite. Wir haben unsere Wut und diese Wut kann uns dazu verleiten, Dinge zu tun, die wir nachher bereuen.

Willkommen auf der Erde, du bist eben ein Mensch!

Aber die meisten Menschen schauen da nicht hin. Wenn sie früher wütend waren oder „aufgemuckt haben“, dann wurden sie in die Schranken gewiesen. Bestraft. Vielleicht sogar seelisch oder körperlich misshandelt.

Die Angst davor, Wut zuzulassen und zu zeigen, sitzt tief.

Doch sie ist in dir.

Wenn du ihr keinen Raum im Außen gibst, wird sie sich den Raum IN DIR freifressen.

„Depression ist nach Innen gerichtete Wut.“ (Robert Betz)

Nein, du musst niemanden bewusst verletzen, nur um deine Wut rauszulassen. Nein, du musst nichts zerstören.

Ein Anfang wäre schon, in dem Gefühl der „Leere“ und „Hilflosigkeit“ nach der Wut zu suchen.

„Hallo Wut. Ich weiß, du bist da. Du darfst dich zeigen. Die Zeiten sind vorbei, in denen ich dich verurteilt und weggedrückt habe. Du darfst jetzt da sein.“

Du kannst dieser Aggression aus anders Ausdruck verleihen. Schrei laut, zur Not ins Kissen. Mach Kraftsport und lass sie dort raus. Hacke Holz. Erlaube dir auch mal, jemandem in die Augen zu schauen, ohne „freundlich/nervös“ zu lächeln.

Und hör auf, dich zu verurteilen und zu hassen, wenn du mal die Kontrolle über deine Wut verloren hast. Ja, es mag negative Konsequenzen geben. Aber die werden auch nicht besser, wenn du DICH, also denjenigen, der helfen könnte, diese Konsequenzen wieder zu mindern, jetzt auch noch fertig machst.

Schatten und Licht bedingen sich gegenseitig.

Du kannst die Freude nicht genießen, wenn du die Trauer nicht kennst.

Du kannst die Sanftheit nicht geben, wenn du die Härte nicht zugelassen hast.

Ohne das eine gibt es das andere nicht. Was passiert, wenn du eine von beiden Seiten ablehnst, kennst du schon:

Unzufriedenheit. Unruhe. Das Gefühl, „irgendetwas“ würde fehlen. Angst. Panik. Depression.

Der Weg der seelischen Heilung führt an der Wut nicht vorbei, sondern direkt durch sie hindurch.