Wusstest du, dass außer wenigen Ausnahmen wie der Angst vor Höhe, Dunkelheit und lauten Geräuschen fast alle Ängste erst im Laufe des Lebens gelernt werden? Für mich persönlich war das immer schwer zu verstehen, schließlich hatte ich vor allen möglichen Dingen Angst!
Ich hatte Angst vor Brücken.

Ich hatte Angst vor Spinnen, Ameisen und Bienen.

Ich hatte Angst vor diesen Mini-Eidechsen-Schlangen-ähnlichen Glibberviechern, die abends immer im Bad auf dem Boden herumlaufen.

Ich hatte Angst davor, dass ein Mädchen das ich toll fand herausfinden könnte, was ich für sie empfinde.

Ich hatte Angst davor, ehrlich zu sein.

Ich hatte Angst davor, schlechte Noten zu schreiben.

Ich hatte Angst davor, dass die Augen vieler Menschen auf mir liegen.

Ich HABE Angst vor Höhen.

Ich HABE manchmal Angst davor, meine Freunde mit meiner stark emotionalen Seite zu vergraulen, weil ich dann quasi in meiner eigenen Welt lebe und nicht mehr angemessen auf ihre Probleme reagieren kann.

Findest du dich hier wieder? Was sind denn deine größten Ängste?

Und das Verrückte ist: Ich hatte lange Zeit sogar noch Angst vor der Angst! Ich kannte die Situationen, in denen ich die Angst empfinde und hatte irgendwann keine Angst mehr vor der Situation selbst, sondern vor dem schlechten Gefühl, das ich in dieser Situation empfinden würde („werde“).

Da kommt man sich schon manchmal etwas verrückt und „nicht normal“ vor, nicht wahr? Oder ist es nicht eher die Angst davor, dass dich ANDERE als verrückt und „nicht normal“ bezeichnen…?

Wenn wir beide auch nur ein bisschen gemeinsam haben, dann magst du dieses Gefühl der Angst nicht. Vielleicht bekommst du dann auch einen Kloß im Hals und diesen Druck im Bauch. Ganz besonders der Druck im Bauch scheint ein Hauptsymptom der Angst zu sein, das viele Menschen kennen. Daher kommt wahrscheinlich auch der Begriff „Angstschiss“. Magen und Darm spielen verrückt. Aber das nur nebenbei…

 

Warum haben wir Angst?

 

Im Grunde genommen soll uns Angst schützen. Sie soll uns helfen, lebensgefährliche Situationen zu erkennen um sie vermeiden zu können.

Aber „lebensgefährlich“ ist nicht gleich „lebensgefährlich“. Für mich wäre ein Wolf wahrscheinlich lebensgefährlich. Für Jens, meinen Mixed-Martial-Arts Trainer eher nicht. Für mich wäre der Verlust der Zuneigung meiner Eltern nicht lebensgefährlich. Für ein Neugeborenes schon, denn es ist komplett abhängig von Mama und Papa.

Dazu kann noch kommen, dass wir bestimmte Situationen einfach aufgrund von fehlender oder missgeleiteter Bildung als „potenziell lebensgefährlich“ einstufen. Wir lesen und hören so viel über giftige Spinnen, dass manche von uns dann eine Angst vor gleich ALL diesen süßen kleinen Tierchen entwickeln. Unser Bild von Haien ist so sehr von Horrorfilmen geprägt, dass wir Angst vor einem Wasserbewohner entwickelt haben, dem seine eigene Unversehrtheit so unglaublich wichtig ist, dass er schon von Natur aus den direkten Kontakt zu Menschen lieber meidet.

Aber trotzdem sind die Ängste für uns präsent. Sie sind einfach da. So wahrscheinlich auch für dich.

Deine Ängste können noch so wenig für andere nachvollziehbar sein. Sie können noch so „unlogisch“ sein, wenn du einmal etwas näher darüber nachdenkst. Das hilft alles nichts. Sie sind trotzdem einfach da.

Du spürst sie. Mit dem Kloß im Hals, dem Druck im Bauch und dieser plötzlichen Blockade in deinem Kopf, die dich unfähig dazu macht, klare, schlaue, mutige Entscheidungen zu treffen.

 

Wie überwinden wir die Angst?

Es kursiert ja eine Menge Blödsinn über den richtigen Umgang mit der Angst. Da werden spezielle Hypnosen angeboten, die deine Angst über Nacht heilen sollen. Da sollst du dir nur dreimal auf den Daumen und den Unterarm klopfen und SCHWUPPS, bist du mutig. Dann wird dir gesagt, du sollst dir nur ein paar Fragen zu deiner Angst beantworten, dir die Antworten aufschreiben und sie dann jeden Abend wiederholen.

Na okay, VÖLLIGER Blödsinn ist das ja nicht. Aber das ist alles nur Vorbereitung. Das sind Hilfestellungen. Aber Angst überwindest du nur in EINEM EINZIGEN MOMENT:

In dem Moment, in dem du sie spürst.

Angst ist ein Gefühl. Und so wie jedes Gefühl will Angst auch einfach nur gefühlt werden. Du musst da hindurch gehen, wenn du wissen willst, wie es jenseits der Angst aussieht. Angst ist nicht da, um dich zu ärgern. Sie ist da, um dir etwas mitzuteilen. „Hallo, hier bist du vielleicht in Gefahr!“.

Und ich nehme mal an, du weißt selbst, wo diese Aussage stimmt. Ich würde dir deshalb nicht raten, vor einem Säbelzahntiger erstmal deine Angst zu spüren und dich auf deine Atmung zu konzentrieren.

Aber in anderen Situationen kann das sehr hilfreich sein:

  • Prüfungsangst
  • Angst vor Zurückweisung
  • Angst vor dem Versagen
  • Eifersucht (was auch nur die Angst vor einem Vergleich mit Anderen ist. Die Angst, nicht gut genug für den Partner zu sein)
  • Angst vor deinem eigenen Keller (die ich selbst hatte, bis ich ca. 22 Jahre alt war)
  • Angst vor einem offenen, ehrlichen, aber unangenehmen Gespräch

Wenn du eine dieser Ängste spürst, dann kannst du dir sicher sein: Du MUSST sie gerade spüren.

Du darfst diese Angst haben. Es völlig okay, Angst zu haben. Du bist nicht verrückt, auch wenn du glaubst, dass andere Menschen den Eindruck haben könnten. Du erstickst nicht wirklich, auch wenn die Luft etwas knapp wird (wenn du starkes Asthma hast, dann vergiss diesen Satz aber bitte wieder). Du bist nicht weniger wert. Du bist nicht dumm oder zu nichts zu gebrauchen.

All diese Gedanken kommen in diesem Moment von deiner Angst. Und es hilft nichts, sie schnell weghaben zu wollen. Es hilft nichts, dir zu sagen „Nein, ich will keine Angst haben!“. Es hilft nichts, die Angst einfach zu betäuben, mit Musik oder dem durchklicken auf Facebook zum Beispiel. Es bringt auch nichts, die Situation so gut es geht zu vermeiden, in der du die Angst spürst. Vor ihr davon zu rennen.

Selbst wenn es funktioniert, ist das nämlich nur eine Kurzzeitlösung. Du wirst genau dieselbe Angst in der nächsten ähnlichen Situation wieder fühlen und es wird mit jedem Mal unangenehmer. Wenn du dich besser fühlen willst, hilft nur eines, auch wenn es etwas paradox klingt:

Lasse die Angst zu.

Lasse es zu, dass du dich schlecht fühlst.

Nimm deine Angst bei der Hand und zeige ihr, dass die Situation gar nicht so schlimm ist, wie sie erwartet hat.

Bleibe in diesem Gefühl und sage dir „Es ist okay, diese Angst zu haben. Ich bin nicht wirklich in Gefahr und auch meine Befürchtungen sind wahrscheinlich übertrieben. Angst, ich fühle dich.“ Denn wenn du das tust, passiert etwas. Die Angst vergeht langsam wieder. Du fühlst dich besser.

Deine Atmung normalisiert sich.

Der Druck im Bauch wird weniger.

Dein Kopf wird freier, du kannst wieder klarer und logischer Denken. Du kannst wieder Entscheidungen treffen und bist nicht mehr wie gelähmt.

Und es ist okay, wenn diese Angst wiederkommt. Es kann durchaus sein, dass du sie noch oft spüren wirst. Das ist völlig in Ordnung, du bist deswegen nicht „zu nichts zu gebrauche“ oder weniger wert als Menschen, die diese Angst nicht haben. Aber wenn du dir vornimmst, die Angst ab jetzt zu fühlen, wenn du ihr erlaubst dazusein, wird sie mit der Zeit immer weniger. Es fällt dir immer leichter, dieses Gefühl im Inneren zuzulassen und mit klarem Verstand Entscheidungen zu treffen.

Die Entscheidung, es TROTZDEM zu tun. Dich dieser Situation TROTZDEM zu stellen. TROTZDEM einfach weiterzumachen. Denn es ist ja nur ein Gefühl. Es will gefühlt werden, nichts weiter. Es ist keine Realität. Keine Anzeige dafür, was du TUN solltest. Es ist ein Wegweiser in dein Inneres, in deine innere Weisheit.

Und so komisch esoterisch die Aussage „innere Weisheit“ auch klingen mag: Hattest du nicht auch schon mal kleine „Erleuchtungen“? Erkenntnisse, die dein Leiden für einen Moment gestoppt oder es plötzlich völlig überflüssig gemacht haben?

Solche Erkenntnisse bekommst du nicht durch ewiges Nachdenken. Das klappt vielleicht in der Mathematik, aber nicht wenn es um dich und deine Gefühlswelt geht. Solche Erkenntnisse kommen von alleine, wenn du dich durch den Dschungel lange verdrängter Gefühle gekämpft hast. Dann bekommst du plötzlich Gedanken, die vorher noch gar nicht da waren. Erkenntnisse, die eigentlich total logisch sind, die dir aber aus irgendeinem Grund bisher nie eingefallen sind.

Es ist übrigens okay, wenn das alles etwas dauert. Es ist okay, wenn du nicht jede Angst ab sofort immer überwinden kannst. Es ist okay, wenn du auch mal Rückschläge hast, in denen du das Gefühl hast, noch keinen einzigen Schritt weitergekommen zu sein. Das sind nur kleine Schritte auf einer langen Reise. Zwischenstationen, die du halt einfach passieren musst.

Und irgendwann wirst du es spüren. Du erwartest es eigentlich gar nicht mehr, weil du lange nicht mehr daran gedacht hast:

Dann bist du mitten in dieser Situation, die dir vorher immer solche Angst bereitet hat. Aber du kriegst es gar nicht mit. Du bist einfach da und ziehst es durch.

Du machst deine Prüfung. Du geigst diesem Ar***lo** deine Meinung. Du gehst zu dem Mädel und gestehst ihr deine Gefühle. Du sagst „Nein“.

Und erst nachher fällt dir plötzlich auf: „Huch… warte mal… Das… das war ich? Geil!“.

Ich möchte dich jetzt darum bitten, dich einmal zu fragen: Welche Situationen meisterst du heute fast automatisch? Was hast du in den letzten Tagen/ Wochen getan, wovor du vor ein paar Jahren noch schreiend davongelaufen wärst?

Es ist unglaublich, wie sich unser Leben ständig weiterentwickelt, während wir es einfach leben. Aber glaub mir, es lohnt sich hinzuschauen. Es lohnt sich, ab und zu innezuhalten und zu schauen, wo wir gerade stehen. Wie weit wir gekommen sind, während wir nicht aufgepasst haben.

Es lohnt sich, BEWUSST zu leben.

Alles Liebe,

Arne

 

Bild: Sunny MJX (unter CC)

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