Dieser Artikel ist mal etwas länger. Aber bei diesem Thema komm ich um manche Fakten nicht herum. Wenn du keine Lust aufs Lesen hast und direkt zu den Tipps springen willst, dann klicke *hier*.

Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit seit ich auf der Klippe stand. Eigentlich sind es aber erst sieben Jahre, die seitdem vergangen sind.

Es ist Mai. Der Monat, in dem die meisten Selbstmordversuche stattfinden. Es sind nämlich nicht die Herbst- oder Wintermonate, die Menschen am meisten dazu veranlassen, sich den letzten Schubs zu geben. Denn in den grauen Monaten ist JEDER etwas niedergeschlagener als sonst. Auch wenn Menschen, die an Depressionen erkrankt sind, auf eine andere Art leiden als der Rest, geht die graue Außenwelt an niemandem spurlos vorüber. Die Menschen sind eher drinnen im Warmen und weniger in großen Gruppen unterwegs.

Wenn dann aber der Frühling wiederkommt, die anderen Menschen wieder aktiver werden und sich in Scharen draußen treffen um Spaß zu haben, während man selbst völlig antriebs- und motivationslos in der Einsamkeit versinkt, steigt auch der Leidensdruck. Man fühlt sich noch sonderbarer als vorher. Als würde man zum Rest nicht mehr dazugehören. Das sichtbare Glück der Anderen wirft nun einen großen Schatten auf die eigenen Probleme und Schwächen und aus genau diesem Zustand heraus treffen Menschen eher mal unüberlegte Entscheidungen.

Und dieses Jahr ist es auch schon wieder passiert, die jeweiligen Todesanzeigen in den Tageszeitungen lassen keinen Zweifel daran. Genau aus diesem Grund habe ich mich dazu entschieden, jetzt mal Klartext zu reden und von meinem eigenen Selbstmordversuch zu erzählen. In der Hoffnung, dass ich Außenstehenden zeigen kann, was in so einem Menschen vorgeht und dass du, wenn der Gedanke, dein Leben zu beenden sehr verlockend auf dich wirkt, das Ganze noch einmal kurz von Außen betrachten kannst.

Mein Selbstmordversuch

Januar 2008. Von außen betrachtet war mein Leben vielleicht gar nicht so schlimm, aber in mir drin sah es anders aus. Das Abitur rückte immer näher und ich fühlte mich genauso vorbereitet darauf, wie an meinem allerersten Schultag. Gleichzeitig konnte ich aber nicht die Eigendisziplin aufbringen, dafür zu lernen. Was aber mit Sicherheit nicht hieß, dass ich mir keinen ständigen Druck gemacht hätte. Zusätzlich sah es in der Liebe auch nicht so toll aus. Ich war unglücklich in meine beste Freundin verliebt und sie machte nun selbst auch eine schwierige Zeit durch . Dadurch war sie für mich jetzt natürlich nicht mehr ständig als „Seelenmülleimer“ verfügbar. Zur selben Zeit hatte ich auch meinen persönlichen Stil verändert. Ich sah jetzt nicht mehr aus wie die Anderen, was zur Folge hatte, dass sich viele meiner „Freunde“ jetzt von mir abwandten und ich dadurch noch mehr das Gefühl hatte, „anders“ und alleine zu sein.

Vielleicht magst du jetzt denken „Ja, buhuu! Da hätte geholfen, nicht ständig rumzuheulen und die Arschbacken zusammenzukneifen. Du hättest dir halt neue Freunde suchen können.“. Ja, klingt auch alles logisch. Aber auf solche Gedanken wäre ich nie gekommen. Während einer Depression funktioniert das Gehirn nunmal nicht mehr wie gewohnt. Mein Denken war grau und leer. Ich konnte nur noch über die Sinnlosigkeit meines Handelns sinnieren und mich zu nichts mehr aufraffen. Schon der kleinste Stressfaktor hat ausgereicht, dass ich mich bis zur kompletten Wertlosigkeit hin selbst verurteilt habe.

Ich habe mich zunehmend abgekapselt, war nach der Schule nur noch zuhause, bin nicht mehr zum Sport gegangen und habe eigentlich die gesamte Zeit außerhalb der Schule nur am Computer vor Instant Messengern und Online-Rollenspielen gehangen.

In dieser Zeit haben auch Bilder von Menschen an Bahngleisen oder mit blutigen Motiven angefangen, eine beruhigende Wirkung auf mich zu haben. So bin ich in Gedanken immer öfter in diese Richtung abgedriftet. Ich habe angefangen mir selbst wehzutun, indem ich mit dem Messer meine Unterarme aufgeritzt und mit der Faust so stark gegen die Wände geschlagen habe, dass meine Knöchel anschwollen.

Und so abstrus das jetzt auch klingt: Ich habe mich danach tatsächlich BESSER gefühlt. Diese Taten hatten einen kurzfristigen Adrenalinschub zur Folge, der mir das trügerische Gefühl gegeben hat, dass jetzt alles besser wäre. Leider hat diese Verbesserung immer nur ca. 1 Minute angehalten… danach ging es mir wieder genauso dreckig wie vorher. Sogar eher etwas schlechter, da jetzt noch ein Schamgefühl wegen der offensichtlichen Zeichen meiner Gewalt gegen mich selbst dazukam.

Schon der kleinste Auslöser (Disharmonie mit meinen Freunden, Kritik in der Schule, ein herablassender Kommentar über mein Aussehen) hat ausgereicht, dass ich in einen Gedankenstrudel gestürzt bin, in dem ich immer mehr Beweise dafür gefunden habe, warum mein Leben so sinnlos ist, warum ich wirklich NICHTS richtig mache, warum mich wirklich NIEMAND mag und warum ich einfach schlechter war, als alle Anderen. Von außen betrachtet gab es dafür keinen erkennbaren Grund, aber wenn du selbst Betroffener bist, dann wirst du ja wissen, wovon ich rede. Die Gedanken und Gefühlen scheinen sich selbstständig zu machen.

Irgendwann war ich dann (wieder einmal) am Tiefpunkt. Irgendwann kam der Moment, in dem ich zu dem Schluss gekommen bin, dass das alles keinen Sinn mehr hat. Ich habe mich dazu entschieden, noch am selben Abend zur Klippe etwas außerhalb der Stadt zu gehen und mein Leben zu beenden. Warum erst abends und nicht sofort? Naja… komischerweise wollte ich erst noch den Schultag beenden und zur Bandprobe gehen. Nicht, dass es einen Sinn gehabt hätte… aber es gehörte für mich in diesem Moment einfach dazu, meinen Abschied so glatt und unauffällig wie möglich zu gestalten. Also: nicht auffallen, alle zufrieden stellen, ein guter Junge sein und dann abends in aller Ruhe abtreten.

Die restlichen Stunden des Tages war ich so motiviert wie lange nicht mehr. Endlich hat das alles ein Ende!  Bis zur letzten Sekunde gab es für mich keinen Zweifel, dass es heute passieren würde. Selbst in der Zeit, die ich gebraucht habe um zur Klippe zu kommen, gab es keinen Moment der Reue.

Ja, gleich ist es vorbei. Endlich!

Oben angekommen war die Sonne gerade untergangen. Ich gehe vor an den Rand der Klippe und schaue runter. Scheiße, ist das tief. Normalerweise hätte ich etwas Höhenangst gehabt, aber jetzt in diesem Moment lässt mich der Blick nach unten völlig kalt. Ja, genau so hatte ich mir das vorgestellt. Nur noch mal kurz durchatmen und dann geht’s ab. So ist jedenfalls der Plan.

Mein Handy vibriert. Mist, vergessen, das Ding auszustellen! Egal, die Neugier ist größer. Eine SMS meiner besten Freundin. Eigentlich kein besonderer Inhalt. Nichts ermutigendes. Nichts aufbauendes. Einfach nur eine Nachricht mit einem Smilie am Ende. Ich schalte das Handy aus und stecke es wieder in die Hosentasche. Jetzt kann es losgehen…

Aber irgendwie ist mein Mut plötzlich weg… meine Gedanken kreisen wieder. Denn stimmt ja… meine Freunde. Und nicht nur die… auch meine Eltern. Was würde mit denen passieren?

So blöd es vielleicht klingt, aber es ist mir bis dahin nicht ein einziges Mal in den Sinn gekommen, dass mein Selbstmord auch Auswirkungen auf andere Menschen hat. Ich hatte bis zu diesem Moment nur mich gesehen. MEIN Leiden. MEINE Wertlosigkeit. MEINE Erlösung vom Schmerz meiner Existenz.

Aber so wertlos wie ich mich selbst fand, so sehr mochte ich andere Menschen. Meine Freunde, meine Eltern, meine kleine Schwester. Menschen, denen ich etwas bedeute. Die für mich da waren, wo ich es selbst nicht geschafft habe, mich wie ein Mensch zu fühlen.

Diese kurze, inhaltslose SMS hat mich aus dem Rhythmus gerissen. Ich wurde daran erinnert, dass es hier eben nicht nur um MEIN Leiden geht. Ja, mein Leiden wäre vielleicht vorbei. Aber gleichzeitig hätte ich meine gesamte Familie, meine Freunde, Mitschüler, Lehrer und Musikerkollegen zurückgelassen, denen ich fehle und die sich dazu noch selbst für meinen Tod mit verantwortlich machen würden.

Selbstvorwürfe, warum sie es nicht bemerkt haben, wie schlecht es mir wirklich geht.

Selbstvorwürfe, warum sie nicht netter und hilfsbereiter waren, als ich mal darum gebeten habe.

Selbstvorwürfe, warum sie mich nicht einfach „zu meinem Glück gezwungen“ haben, als ihnen meine schlechte Laune auf den Sack ging.

Nimm dein eigenes Leiden, multipliziere es mit 10 und du erhältst den Schmerz, den all deine Angehörigen über JAHRE hinweg (oder zum Teil ihr ganzes Leben lang) fühlen werden, wenn du dir das Leben nimmst.

Jetzt stand ich da und konnte nicht. Ich WOLLTE springen, aber mein Körper hat mir plötzlich nicht mehr gehorcht. Dasselbe Gefühl hatte ich jeden Morgen, wenn ich aufstehen wollte. Ich wusste „Du musst jetzt raus. Du weißt, wenn du erstmal aufgestanden und in die Schule gegangen bist, dann geht es dir besser!“, aber mein Körper wollte einfach nicht aufstehen. Dadurch kam ich auch jeden einzelnen Tag zu spät in die Schule.

So stand ich noch ein paar Stunden an der Klippe, bis ich dann irgendwann frustriert nach Hause gegangen bin, wütend, weil ich es nun doch nicht geschafft habe. Obwohl „wütend“ noch untertrieben ist… ich habe mich für meine Feigheit gehasst. „Nichtmal DAS kriegst du hin… zu was bist du überhaupt zu gebrauchen???“ Heute weiß ich, dass die eigentliche Feigheit der Versuch war, dem Leben davonzulaufen, anstatt mich ihm nur noch ein kleines bisschen länger zu stellen.

Ja, und heute sitz ich hier. Von Selbstmordgedanken keine Spur mehr. Von einer klinischen Depression so weit entfernt, wie man es nur sein kann. Gleichzeitig spüre ich ihre Reste aber noch in mir. An die alten verurteilenden Gedanken, den damaligen Schmerz der Einsamkeit und den Wunsch endlich sterben zu dürfen werde ich mich wohl noch ewig erinnern.

Und das ist auch gut so. Es fällt mir heute wesentlich einfacher, bestimmte Umstände einfach schulterzuckend hinzunehmen und das beste aus der Situation zu machen. Denn SO schlimm ist im Vergleich zu damals NICHTS mehr.

Aber ich weiß auch, dass ca. 10.000 Deutsche jedes Jahr den Absprung nicht schaffen. Sie denken nicht im letzten Moment noch einmal darüber nach. Sie bekommen keine SMS zum richtigen Zeitpunkt. Sie werden nicht schon 1 Sekunde nachdem sie den Hocker unter den Füßen weggestoßen haben gefunden. Es kommt niemand zufällig ins Zimmer, der sie zum Krankenhaus fährt, um ihnen den Magen auszupumpen.

Diese Zahl ist eindeutig zu hoch. Denn mit der Kraft, die man für die Überwindung zum Selbstmord braucht, kann man sein Leben drei mal komplett verändern. Wenn man nur weiß, in welche Richtung man diese Kraft lenken soll.

Und damit die restlichen 9996 Menschen dieses Jahr auch noch die Möglichkeit bekommen, vom Tiefpunkt aus ins Leben aufzusteigen wie der Phönix aus der Asche, möchte ich jetzt ein paar Gedanken dazu teilen, wie du mit dieser schweren Zeit und den Selbstmordgedanken umgehen kannst. Zuerst für die Betroffenen, danach für die Angehörigen.

Meine Gedanken zum Selbstmord (an dich, wenn du mit dem Gedanken spielst):
1. Erkenne, was mit deiner Familie und deinen Freunden passiert

Ich weiß, du bist dir selbst wahrscheinlich nichts wert. Ich verstehe, dass du keinen Sinn darin siehst, auf ein besseres Leben für dich selbst hinzuarbeiten, denn es ist nur sieben Jahre her, dass ich dieselbe Sinnlosigkeit gespürt habe. Aber ich glaube, dass dir deine Familie und Freunde nicht egal sind. Egal, wie zerstritten du mit deinen Eltern und Geschwistern vielleicht bist. Egal, wie schlimm die Worte deines besten Freundes letzte Woche waren. Du liebst diese Menschen, denn sie waren in vielen Momenten für dich da, haben sich für dich aufgeopfert, wo du es selbst nicht mehr geschafft hast, für dich zu sorgen.

Denke an sie. Denke daran, was du IHNEN damit antust. Wie du IHR Leben zerstörst. Ich weiß, das willst du nicht. Nimm deinen eigenen Schmerz, multipliziere ihn mit 10 und du hast den Schmerz, den deine Familie und Freunde über Jahre hinweg (zum Teil sogar ihr ganzes Leben lang) fühlen werden, wenn du dein Leben beendest. Selbst wenn du mit deinem Selbstmord auch Rache an den Leuten üben willst, die dich mies behandelt haben, werden die Auswirkungen deiner Tat nicht nur auf diese Leute begrenzt sein. Es werden auch andere Menschen betroffen sein, auf die du eben keine Wut hast. Der Schmerz wird auch diejenigen treffen, die für dich da waren. Er wird auch diejenigen treffen, die du magst – und diese Menschen wahrscheinlich sogar hundertmal stärker als diejenigen, die du eigentlich damit treffen willst.

2. Es gibt keine Garantie, dass danach alles besser wird

Ich bin nicht religiös. Aber ich glaube auch nicht, dass mit dem Tod einfach Schluss ist. Kannst du dir wirklich sicher sein, dass danach dein Leiden vorbei ist? Was, wenn die Seele wirklich weiterlebt und du mit denselben Problemen nun FÜR IMMER gefangen bist, weil du keinen Körper mehr hast, um die Dinge richtig zu stellen? Oder was, wenn es wirklich so etwas wie die Hölle gibt? Ewiges Inferno… ich muss zugeben dass ich da keinen Bock drauf habe, egal wie sehr ich es liebe, unter der Sonne zu brutzeln und in der Sauna aufzuweichen.

Du kannst dir einfach nicht sicher sein, was nach dem Tod auf dich wartet.

3. Gefühle sind Gefühle. Keine Tatsachen.

Kein Umstand alleine ist je wirklich schlimm. Das, was wir als schlimm empfinden, sind die negativen Gefühle, die wir in Zusammenhang mit diesem Umstand fühlen. Selbst, wenn es dir schon lange schlecht geht und du seit 10 Jahren unter Depressionen leidest, gab es nicht immer mal wieder kurze oder längere Momente, in denen es dir gut ging?

Manchmal reicht die Gesellschaft von Menschen aus, die man mag. Manchmal ist es ein kurzes Gespräch, in dem man sich den ganzen Müll mal von der Seele reden kann und SCHWUPPS ist diese erdrückende Last weg. Selbst, wenn du schon kurz danach wieder in ein tiefes Loch fällst, ist das ein klares Zeichen dafür, dass du zufrieden sein kannst. Zufriedenheit und Glück kann man lernen, selbst wenn man sich am absoluten Tiefpunkt fühlt.

Ich bin der lebende Beweis dafür. Ich bin heute sogar DANKBAR für diese schlimme Zeit damals, da ich durch sie zwangsläufig lernen musste, mich wieder auf die Reihe zu kriegen. Ich wäre niemals so weit gekommen, wenn ich ein normales, zufriedenes Leben im Durchschnitt geführt hätte.

Der Umgang mit Gefühlen ist nichts, was jemandem angeboren wäre. Es ist nichts, was einem in die Wiege gelegt wird. Jeder kann es lernen. Ja, es dauert ein wenig, bis man es wirklich verinnerlicht hat, wie einst das Laufen. Aber es ist machbar. Gefühle, auch Rache, Selbstzweifel, das Gefühl der Wertlosigkeit und Schuldgefühle wollen nur eins: Angenommen werden. Und ich habe gesehen, wie auch die „allerschwierigsten“ Fälle geschafft haben, wieder glücklich zu werden. Wenn diese Menschen das geschafft haben, gibt es auch noch Hoffnung für dich, egal wie sehr deine Gedanken dir etwas anderes einreden wollen.

4. Rede mit anderen Menschen über deine Gedanken und Gefühle

Du bist nicht alleine mit Depressionen. Du bist nicht alleine mit deinen Gedanken und Gefühlen, egal wie „sonderbar“ oder „krank“ sie dir vielleicht erscheinen. Aber manchmal denken wir im Tunnelblick. Wir selektieren nur die Fakten heraus, die wir sehen wollen. Wir sehen nur in das schwarze Loch, obwohl direkt neben uns die Sonne die Tautropfen auf der Frühlingswiese zum glitzern bringt.

Manchmal kann es helfen, diese Gedanken und Gefühle einfach mal herauszulassen. Es ist in Ordnung, manche Freunde einfach mal als „Seelenmülleimer“ zu brauchen. Diese Menschen machen das genauso. Jeder tut es. Jeder muss sich manchmal anderen mitteilen, denn das entlastet ungemein.

Wenn du deine Freunde noch nicht damit belasten willst und nicht weißt, an wen du dich wenden sollst, dann kannst du auch die kostenlose und anonyme Telefon-Seelsorge anrufen. Diese Menschen sind geschult im Umgang mit Krisenzeiten und können dir in besonders schweren Momenten helfen, wieder klarer zu sehen:

Telefon-Seelsorge: 0800 / 111 0 111

Tipps für Angehörige

Du willst wahrscheinlich nicht, dass dieser Mensch, der dir so lieb ist, sich selbst das Leben nimmt. Logisch. Man will einen wertvollen Menschen nicht verlieren, nur leider besteht manchmal das Problem, dass dieser Mensch selbst nicht erkennt, wie wertvoll er wirklich ist.

Dein Angehöriger fühlt sich mies. Er ist von seiner Wertlosigkeit überzeugt und du kannst seine Meinung nicht ändern, indem du versuchst, ihn einfach vom Gegenteil zu überzeugen. Kein „So schlimm ist das doch gar nicht.“, „Du siehst das völlig falsch!“ oder „Sieh es doch einfach mal realistisch!“ werden seine Meinung ändern.

Vielleicht hat dein Angehöriger ja schon mal Gedanken dazu geäußert sich das Leben zu nehmen. Vielleicht hast du auch nur die Angst, weil die Anzeichen in letzter Zeit immer mehr dafür sprechen würden. Aber wie geht man besten damit um? Denn… im Falle des Falles will man ihm ja auch keinen Floh ins Ohr setzen, der vorher noch nicht drin war…

Das beste, was du tun kannst ist aber trotzdem: Rede mit ihm darüber!

Sprich es an. Frage ihn, ob er den Gedanken schon hatte, sich selbst etwas anzutun. Denn dann ist das Thema auf dem Tisch! Wenn er den Gedanken schon ernsthaft in Erwägung gezogen hat, dann ist er damit jetzt nicht mehr alleine. Nimm ihm etwas von der Angst, über das Thema zu reden. Und selbst wenn er den Gedanken noch nicht ernsthaft hatte, weiß er nun, dass er nicht alleine ist.

Erzähle ihm davon, wie groß deine Angst davor ist, dass er sich etwas antut. Erzähle ihm, dass du ihn nicht verlieren willst. Erzähle ihm, was er dir wert ist.

ABER:

Versuche nicht, ihn davon überzeugen, wie „blöd“ oder wie dumm der Gedanke daran ist. Nimm ihn ernst. Selbst, wenn du das nicht verstehen kannst: Diese Gedanken sind für ihn real. Gib ihm die Möglichkeit, selbst mit seinen unüblichsten und verrücktesten Gedanken ernst genommen zu werden. Denn wir alle wünschen uns nichts sehnlicher, als das.

Zeig ihm, dass er SO WIE ER JETZT IST völlig in Ordnung ist. Gib ihm keine Ratschläge. Sage nicht „Mach doch einfach mal…“ oder „Du müsstest doch einfach nur…“. Das bringt nichts. Er ist wie er ist. Mit all seinen Macken, mit seiner Sturheit, mit seinem Tunnelblick, mit seiner Antriebslosigkeit, mit seinen selbstverurteilenden Gedanken und den oft miesen Gefühlen. Lerne, ihn so anzunehmen wie er ist. Ohne ihn verändern zu wollen.

Die Veränderung muss aus ihm selbst heraus kommen. Du kannst ihn dazu ermutigen (das Angebot machen) zum Psychotherapeuten oder Arzt zu gehen, aber wenn er das nicht will, dann zwinge ihn nicht dazu. Zeige ihm nur, dass du auf seiner Seite bist und ihn liebst, egal wie „anders“ oder „anstrengend“ er sich momentan fühlt. Zeige ihm, dass er für dich immer noch derselbe liebenswerte Mensch ist. Egal, wie krank oder unglücklich er ist.

Außerdem: Behandle ihn nicht wie ein Kleinkind. Ja, er mag vielleicht etwas sensibler sein als sonst, aber fühlst du dich wohl, wenn dir niemand etwas zutraut und mit dir redet, als würdest du wirklich NICHTS gebacken kriegen? Niemand wird gerne von oben herab behandelt.

Also hier nochmal eine kleine Zusammenfassung:

Was du als Angehöriger tun kannst:
  • Frage ihn einfach, ob er den Gedanken daran schon hatte. Erwarte keine ehrliche Antwort, sondern bring das Thema einfach mal auf den Tisch. Versuche nicht, ihn zu einer Antwort zu zwingen.
  • Sag ihm, dass du Angst hast, ihn zu verlieren (also: sei einfach ehrlich). Sage ihm, was er dir bedeutet, was du so sehr an ihm schätzt und wie unglücklich du ohne ihn wärst.
  • Behandle ihn nicht wie ein hilfloses Kleinkind. Er fühlt sich vielleicht manchmal so, aber er ist es nicht. Nimm ihm nicht seine Würde, nur weil du glaubst, zu wissen was das Beste für ihn ist.
  • Gib ihm keine Ratschläge. Mach ihm Vorschläge, aber erwarte nicht, dass er immer dafür offen ist. Du kannst niemanden zu irgendetwas zwingen. Jede Veränderung muss aus dem Menschen selbst heraus kommen.
  • Zeige ihm, dass er so wie er jetzt ist völlig in Ordnung ist. Mit all seinen (für dich vielleicht) nicht nachvollziehbaren Gedanken, seinen Schwächen und seinen Macken.

Und, ganz wichtig:

  • Sorge dafür, dass du selbst glücklich bleibst. Du musst nicht STÄNDIG für ihn da sein, denn das schaffst du nicht. Wenn du am Ende auch noch depressiv wirst, weil deine Energie verbraucht ist, ist niemandem geholfen. Also nimm dir genügend Zeit für dich und vernachlässige dein eigenes Leben nicht.

Ich hoffe, ich konnte mit diesem Artikel etwas aufklären. Vielleicht kannst du dich als Angehöriger jetzt etwas besser in seine Lage versetzen. Vielleicht überlegst du dir deinen eigenen geplanten Selbstmord noch einmal. Oder auch nicht. Aber ich hoffe, du machst dir bewusst, was du verpasst und triffst deine Entscheidung erst, nachdem du wirklich ALLE Blickwinkel betrachtet hast. Nichts wäre schlimmer, als eine Ewigkeit lang zu bereuen was man getan hat. Hilflos, ohne Körper, um alles noch mal richtig zu stellen.

Um Abzuschließen noch eine oft gebrauchte Binsenweisheit, die meiner Meinung nach in dieser Situation aber viel Klarheit schaffen kann: „Keine Suppe wird so heiß gegessen, wie sie gekocht wird.“

So simpel es klingt und so abgelutscht dieser Spruch auch ist, aber manchmal hilft es, einfach schlafen zu gehen und zu schauen, was der nächste Tag bringt. Das sage ich hier als ehemals-Betroffener, der diese Erfahrung schon oft gemacht hat und der heute unheimlich glücklich ist, nie den letzten Schritt gegangen zu sein.

Nimm den Kampf auf. Kämpfe ihn in deinem eigenen Tempo. Gehe einfach immer weiter, egal wie klein dir deine Schritte und wie groß dir die Rückschläge vorkommen. Irgendwann, wahrscheinlich genau dann, wenn du kurz davor bist aufzugeben, erkennst du plötzlich, zu was für einem starken Menschen du dich weiterentwickelt hast. Denn:

„Stärke resultiert nicht aus deinen Siegen. Sie entwickelt sich in deinen schweren Zeiten.“

– Arnold Schwarzenegger

Alles Liebe,

Arne

 

Dieser Artikel ist inspiriert von den Todesanzeigen in den Tageszeitungen, einem tiefen Gespräch mit meiner Mutter und einem Artikel von Tim Ferriss zu seinem eigenen Suizidversuch.

Foto: Didi8 (unter CC)

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